0.125.000 In Slowenien ans “cilj”

Unterwegs in Slowenien

Besitzt man ein geländegängiges Fahrzeug, so ist man unterschwellig, heimlich und latent immer auf der Suche nach Herausforderung. So war es nicht weiter verwunderlich, dass im Winter 2002 auf einer kleinen Ausfahrt durch Slowenien die Straßen lockten, die sich anschickten irgendwo in die Höhen der slowenischen Karawanken zu entschwinden.

Der Plan

Die Tour führte, beginnend in der Gegend des Rosentales in Kärnten, über den Loibelpass nach Slowenien, südlich der Karawanken entlang der Bergkette, vorbei an Jesenice und zurück durch den Karawankentunnel. Nördlich von Jesenice befindet sich ein Berg, der in Kärnten als Kahlokogel und in Slowenien als Golica bekannt ist. Er fällt zur österreichischen Seite hin so steil ab, dass es eine einigermaßen grimmige Bergtour ist, wenn man ihn von dort erklimmen möchte, auf der südlichen Seite neigt er sich aber sanft und flach dem Tale entgegen und man kann nach dem beschwerlichen Aufstieg von der Nordseite sehen, dass im Süden Straßen bis heran an die Baumgrenze und noch etwas darüber hinaus führen. Es ist nicht ganz so schlimm, als würde man nach 6 Stunden Aufstieg sehen, dass von der anderen Seite eine Bergbahn hinaufführt, weshalb man sich dann als Bergsteiger unter Sandalen und Highheels tragenden Mitmenschen wie eine Attraktion im Zoo vorkommt, aber es geht schon ein wenig in diese Richtung. Der Plan, der also im Unbewussten, nahe der Hypophyse gereift war, sah also vor, eine Straße auf der Südseite des Berges auszukundschaften und so dem Gipfel des bekannten Berges möglichst nahe zu kommen. Man könnte  nun einwenden, dass das im Winter vielleicht eine schlechte Idee sein möge, aber in diesem Jahr war der Schnee an andere Stellen in den Alpen verteilt worden und man musste derlei Pläne nicht von Haus aus auf die lange Bank schieben. 

Der Aufstieg

So begab es sich also, dass ich eine Straße ansteuerte, die so aussah, als könnte sie an die gewünschte Stelle hinauf führen. Zur Zeit dieser Geschichte sind wir noch in der Prä-Smartphone und Prä-GPS-Ära. Eine Karte war nicht vorhanden und die Bordelektronik konnte nicht helfen, also ging es aufs Geratewohl nach oben. Die Straße, die so vielversprechend schmal und lindwurmartig begann, wie es für die Straßen in den dortigen Berglandschaften typisch ist, führte zügig den Berg hinauf und man konnte bald sehen, dass das Tal mit Jesenice schon deutlich tiefer lag. Wenig später schon wurde die Straße so eng, dass ein entgegenkommendes Fahrzeug ein Problem dargestellt hätte. Auch häuften sich Schilder am Straßenrand, die aber mangels Sprachkenntnis und fehlender Symbole nicht interpretierbar waren. So ging die Fahrt immer weiter und die fehlenden Möglichkeiten zum Abbiegen und vor allem zum Umkehren wirkten wie ein Sog hinauf, entlang der Straße, die immer morscher und kurviger wurde. Es wäre eine gewaltige Strafe gewesen, den ganzen Schlauch rückwärts fahren zu müssen und so gab es dann irgendwann, nach ca. einer halben Stunde Fahrzeit, nur noch die Flucht nach vorne. Es konnte ja nicht ewig so weiter gehen. Und das ging es auch nicht.

Oben ist noch keiner geblieben

Mit zunehmender Höhe lag langsam doch auch immer mehr Schnee auf der Fahrbahn. Nicht viel, aber hart und unverspurt, so war es auch kein Wunder, dass erst ein gutes Stück später ins Bewusstsein rückte, dass die Straße keinen Belag mehr hatte. Gefangen in der Attitüde, dass sicher nach der nächsten Kurve etwas anders würde, man “da” wäre oder “oben” ankäme, führte die Fahrt den Berg so weit hoch, dass die Bäume bereits anfingen weniger zu werden. Dazu begann es auch langsam zu dämmern. Als die Steigung schließlich abflachte nachdem die letzte Kuppe überwunden war und sich eine Art Hochebene ausbreitete, wurde klar, dass es schon lange Zeit war, den Rückweg anzutreten. Links und rechts des Weges befanden sich verschneite Bergwiesen, die so unwegsam waren, dass an Umkehren immer noch nicht zu denken war. Man konnte sehen, dass der Weg sich in tiefer werdendem Schnee irgendwo nach ein paar Serpentinen in der Ferne verlor und so fuhr ich missmutig, mit der Aussicht auf ca. eine Stunde Rückwärtsfahren vor dem düsteren Blick des geistigen Auges, noch ein Stück weiter, als ich entdeckte, dass es eine Abzweigung gab, die geradewegs und vielversprechend ins Tal wies. Näher herangekommen wurde dann sichtbar, dass der Weg, der an der Abzweigung begann zunächst über eine wenig vertrauenserweckende Holzbrücke führte. Es blieb also nichts, als auszusteigen und die Balkenkonstruktion einer Sichtprüfung zu unterziehen. Nach etwas winterlicher Akrobatik und mit erfrorenen Händen kam ich zu dem Schluss, dass die Brücke halten sollte und beschloss ohne weiteres Zögern zügig drüber zu fahren. Letztlich hat das auch geklappt. In der Retrospektive kann ich nicht mehr klären, ob das Gutachten der Brücke wirklich fundiert oder eher emotional war. Zumindest war es zutreffend.

Ein heißer Schlitten

So ging es also auf dem neu gefundenen Weg zügig bergab. Zunehmend zügig, wie sich zeigen sollte. Die Fahrstraße führte in eine Furche des Berges, der auch ein Bach entsprang, der sich fröhlich plätschernd parallel zur Straße gesellte und sich mit mir auf den Weg ins Tal machte. Da die Furche an sich recht schattig und zunehmend auch wieder bewaldet war, lag hier deutlich mehr Schnee auf der Straße als weiter oben. Es wäre also völlig unmöglich gewesen, ohne Ketten den Berg wieder hinaufzukommen. Der Schnee war unberührt und reichte bis an das Bodenblech heran. Die Bremswirkung war folglich nicht überragend. Trotz ABS, oder vielleicht sogar eher wegen desselben, war es einfacher zu verzögern, indem man den Fuß vom Gas nahm als wenn man auf die Bremse trat. Trotzdem war dieser Abschnitt der Fahrt pure Freude,  Die Steigung blieb so, dass es angenehm flott mit einem Hauch von Schwerelosigkeit nach unten ging, in jeder Kurve ein seidiges Gefühl von Schweben, beginnend mit zögerlichem Schieben über die Vorderräder beim Einlenken, fortgesetzt mit Stabilisierung durch verhaltenes Gas geben und einer leichten Drift, wenn der Syncro griff und sich der Bus sachte aus dem Schnee erhob. Wie Skifahren im Pulverschnee. Wunderbar. Auf diese Weise wedelnd ging die Fahrt wie im Traum dem dämmerigen Tal entgegen. Doch irgendwann in diesem Reigen, kam von rechts ein Weg dazu – er musste wohl mit einer Brücke den Bach überquert haben und dann im flachen Winkel eingemündet sein – und die Beschaffenheit der Straße änderte sich auf den Schlag. Der eben noch bodenblechtiefe Schnee wich einer ebenmäßig planierten, komprimierten, völlig unnatürlichen Schneeschicht, ja der ganze Weg machte eine Wandlung durch – von jetzt auf gleich – die Kurven zum Hang hin waren nun halbrund hochgezogen, in den Kurven in Bachrichtung, die flacher waren, lagen auf einmal Strohballen. Was nun folgte, dauerte mit einer Uhr gemessen nicht lange, gefühlt aber eine Ewigkeit. Der Weg nahm an Gefälle zu, bekam rohrartigen Charakter, die Oberfläche wurde zu Eis und der Bus – er wurde schnell. An Bremsen war gar nicht mehr zu denken – komplett zwecklos und reine Zeitverschwendung, das einzige, was noch funktionierte war lenken und Gas geben. Mit ca. 60 Stundenkilometern ging es ins Tal wie im Rausch, in jeder Kurve Drift wie auf der Speedwaybahn mit heulendem Motor (ja, auch der Diesel kann heulen!) und einem Tacho, der regelmäßig zum Drehzahlmesser wurde, weil die Reifen einfach durchgingen. Steilkurven wurden genutzt, Strohballen abgeschossen, das Bodenblech auf den gefrorenen Fahrbahnrand gesetzt (die Beulen sind bis heute sichtbar), die Reifen durchs Eis gequält und die Stoßstange als Schneeschild mißbraucht. Nach unzähligen Kurven wurde die Bahn gerade und ging sogar ein wenig bergauf, ein Transparent spannte sich darüber “Cijl” und die Fahrt endete nahezu ungebremst in einem riesigen Schneehaufen, der eigens als Ende der Rodelbahn auf einem Parkplatz aufgeschüttet worden war. Fast hätte ich den Haufen durchbrochen. Der Bus lag flächig am Bodenblech auf, der Schnee hier unten war nicht mehr weich, sondern hart wie Beton. Gefroren und harschig. Mit dem Klappspaten, den ich damals immer dabei hatte, grub ich noch mehr als drei Stunden und stopfte Steine und Äste unter die Reifen, bis der Bus wieder Grip hatte und polternd auf den Parkplatz pflügte. Dem Himmel sei Dank, dass kein Mensch weit und breit war – insbesondere niemand auf der Bahn. Die Katastrophe wäre vorprogrammiert gewesen.

Blessuren

Zuhause angekommen stelle ich fest, dass zwei der Reifen an ihrer Karkasse kompett durch waren. Das Gewebe schaute heraus, der Gummi war in Fetzen. Der Unterboden an der Seite hat ein paar deutliche Beulen abbekommen. In der Folge wurden zwei neue Reifen fällig und es musste am Unterboden allerhand wieder zurechtgebogen werden.

What a fun! 

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